Architektur als Ass im Ärmel

06.12.2021



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Die Digitalisierung dringt in immer mehr Unternehmensbereiche vor. Nur mit dem passenden IT-Architektur-Management kann das Business diesem Innovationstempo dauerhaft standhalten. Denn erst die IT-Architektur schafft die Voraussetzungen, um wirklich rasch auf neue Anforderungen reagieren zu können – ohne die Flexibilität der Anwendungen und deren Sicherheit zu gefährden. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Management, Fach- und IT-Bereiche.

Kund:innen erwarten schnelle, einfache, flexible und jederzeit durchführbare Interaktionen. Ohne moderne IT geht da nichts mehr. Das gilt zunehmend in jeder Branche. Ein Paradebeispiel ist sicherlich die Bankenwelt, die sich in einer der vermutlich grössten Umwälzungen ihrer langen Geschichte befindet. FinTechs entwickeln neue Produkte und Services. Traditionell gewachsene Banken erweitern ihre Angebotspalette um Dienstleistungen Dritter, die teils ähnlich stark reguliert sind wie die der Banken, teils auch deutlich weniger. Open Banking lautet das Schlagwort, das diese Entwicklungen zusammenfasst.

Auch der Handel erlebt intensiv, wie die Digitalisierung immer wichtiger wird. Multichannel-Fähigkeit ist keine Vision mehr, sondern das Gebot der Stunde. Kund:innen möchten selbst entscheiden, wo und wie sie sich über Produkte informieren, wo und wie sie Produkte kaufen oder Fragen klären, die erst nach dem Kauf aufkommen. Smartphone, Webbrowser, Filiale, Call Center – für die Handelsunternehmen geht es darum, die Vielfalt und Komplexität in ihrer IT-Landschaft aufzufangen.

Michael Bolliger, Lead Architect & Consultant, Ergon

«Bei Architekturarbeit geht es nicht um den grossen Wurf, sondern um Kontinuität und Umsetzungsnähe.»

Michael Bolliger Lead Architect & Consultant, Ergon

Der Dreh- und Angelpunkt

Die meisten Branchen stehen vor ähnlich grossen Herausforderungen durch die Digitalisierung. Nur in der Frage, wie weit sie bereits fortgeschritten ist, gibt es noch Unterschiede. Den Unternehmen stehen heute geeignete Mittel zur Verfügung, um diesen Herausforderungen zu begegnen: Cloud Computing, moderne Kollaborations-Tools, neue Paradigmen und Ansätze in der Software-Entwicklung, wie zum Beispiel eine enge Verzahnung von Entwicklung, Security und Betrieb, seien hier genannt. Aber die Basis dafür schafft die IT-Architektur.

Die IT-Architektur beschreibt, wie ein Unternehmen etwas gestaltet und baut. Statische Vorgaben bewähren sich dabei nicht. Die IT-Architektur schafft einen Rahmen, der sich mit den sich ebenfalls verändernden Anforderungen ans Business weiterentwickelt. Weiterentwickeln muss. Die Komplexität steigt, auch in der IT. So nimmt zum Beispiel die Zahl der Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen Systemen zu, während die Dokumentationsqualität der Businessprozesse und die Zahl der wiederverwendeten Services sinkt. Diese Komplexität in Systemen und Prozessen entsteht nicht nur kurzfristig bei der Umsetzung eines Digitalprojekts, sondern langfristig, weil Pilotprojekte und Applikationen häufig auf weitere Aufgaben- und Geschäftsbereiche ausgeweitet werden.

Zeitgemäss, aber einen Schritt voraus

Ein passendes Management der IT-Architektur sorgt dafür, dass die Komplexität der Systeme beherrschbar bleibt und ein Unternehmen flexibel und rasch auf neue Anforderungen reagieren kann. Mit einer wohldurchdachten IT-Architektur ist es zum Beispiel möglich, aus einer Cloud einen KI-basierten Service für eine konkrete Fragestellung niederschwellig zu nutzen. Hierfür muss im eigenen Unternehmen kein tiefschürfendes Detailwissen über künstliche Intelligenz vorhanden sein, geschweige denn der Algorithmus selbst. Auch ein Robo Advisor lässt sich dank einem zeitgemässen IT-Architektur-Management relativ einfach integrieren. Welche Schnittstellen sind erforderlich? Welche Daten welcher Anwendungen braucht ein Gerät? Wie bekommt es diese zeitnah und einfach? Mit welcher Technologie werden diese Daten übertragen? Und – nicht zuletzt: Wie lässt sich ein unbefugter Zugriff über das Gerät vermeiden? Die Antworten auf all diese Fragen fallen dank einem funktionierenden IT-Architektur-Management leicht.

Die Grenzen der Unternehmensbereiche überschreiten

Damit eine IT-Architektur aber wirklich passt, muss sie fachlich abgestimmt sein. Interne Faktoren, organisatorischer und technischer Natur, verhindern oft das schnelle und kosteneffiziente Agieren oder Reagieren. Der Grund sind einerseits technische und konzeptionelle Altlasten. Im fachlichen Bereich andererseits sind es stark optimierte, aber in sich abgeschlossene Organisationsstrukturen und Prozesse – Silos. Für Unternehmen mit mehreren in sich optimierten Bereichen, stellt das Kund:innenbedürfnis nach einer bereichsübergreifenden einheitlichen Dienstleistung daher eine grosse Herausforderung dar. Denn es gibt unterschiedliche Bedürfnisse: Einerseits muss die IT-Architektur die eigentlichen fachlichen Prozesse durch geeignete Lösungen unterstützen, andererseits muss sie Kriterien wie Flexibilität in der Weiterentwicklung oder Sicherheit erfüllen. Naturgemäss haben die Fachbereiche hier teils deckungsgleiche, teils sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Die Gleichheiten zu erkennen und gemeinsam zu nutzen, spart Kosten und ermöglicht kund:innenzentrierte Prozesse, die über die Grenzen einzelner Bereiche hinausgehen. Da die IT-Architektur-Verantwortlichen auf eine fachliche Abstimmung angewiesen sind, aber selbst keine fachlichen Interessen vertreten, können gerade sie hier bereichsübergreifend vermitteln.

Florian Bosshart, Senior Consultant, Ergon

«Das Wichtigste, aber auch Schwierigste ist, eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Fachvertreter:innen und der IT zu etablieren.»

Florian Bosshart Senior Consultant, Ergon

Business und IT Hand in Hand

Die Basis für eine inhaltlich abgestimmte IT-Architektur ist eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Häufig ist das Architekturteam interdisziplinär aus verschiedenen Fachbereichen und dem IT-Bereich besetzt. So können alle Beteiligten ihr Wissen, aber auch ihre Interessen direkt einbringen. Der IT-Bereich, der das Business gut versteht, kann bei nicht fachlichen Anforderungen und neuen technologischen Trends beratend unterstützen. Eine wichtige Aufgabe der IT ist es auch, Kostenimplikationen aufzuzeigen. Denn Veränderungen wie erhöhte Flexibilität oder schnellere Release-Zyklen sind aufwendig. Die resultierenden Kosten gilt es immer, in Relation zum fachlichen Nutzen zu setzen.

Gemeinsame Arbeitsinstrumente und Visualisierungen, ohne dass es dabei um technische Details geht, erleichtern dem Architekturteam die Arbeit. Nützlich ist zum Beispiel eine für alle Beteiligten verständliche Visualisierung der Anwendungslandschaft, die die Applikationen und ihre Abhängigkeiten zeigt. Die Geschäftsprozesse sollten in den Anwendungen wiedererkennbar sein.

Das alles ist nicht immer einfach. Abgesehen von rein zeitlichen Aspekten, hilft auch ein Umdenken der Schlüsselpersonen und des Managements. Ein Arbeiten an der IT-Architektur klappt nur mit Transparenz – diese Transparenz herzustellen, ist womöglich für manche Beteiligte anfangs ungewohnt.

Immer in Bewegung bleiben

Architekturarbeit ist ein umfassendes Thema. Es ist dennoch wichtig, erste kleine Erfolge vorzuweisen, um langfristig die Unterstützung des Managements sicherzustellen. Bei der Etablierung eines Architekturteams liegen häufig ganz viele Themen auf dem Tisch. Eine klare Priorisierung ist dann sinnvoll, ausgerichtet an der Unternehmensstrategie und verbunden mit dem Anspruch, schnell auf Kund:innenbedürfnisse reagieren zu können. Die Beteiligten sollten zunächst die dringendsten, aber auch die umsetzbaren Bedürfnisse angehen – und dann nicht stehen bleiben. In der heutigen Zeit ist, wie gesagt, auch eine IT-Architektur nichts Statisches. Nicht zuletzt deswegen lohnt es sich, kontinuierlich am Thema zu arbeiten, Fortschritte und Möglichkeiten laufend zu prüfen. So wird Architekturarbeit irgendwann zum Alltag. Es geht dabei nicht um den grossen Wurf, sondern um Kontinuität und Umsetzungsnähe. Die Kund:innen werden es einem danken, egal ob in der Finanzwelt, im Handel oder in einer anderen Branche.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Michael Bolliger, Lead Architect & Consultant, und Florian Bosshart, Senior Consultant.

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