Neue Wege beschreiten

06.08.2020



Dieses Interview ist Teil des Ergon-Magazins SMART insights 2020. Magazin kostenlos bestellen ->


Kein erfolgreiches Produkt ohne Weiterentwicklung. Wer stehen bleibt, verliert den Anschluss. Wege gibt es viele, die Erfahrung weist oft den richtigen. Doch was, wenn eine neue, bisher undenkbare Richtung eingeschlagen werden muss? Wenn man etwas unkonventionelles probiert, mit dem Ziel, etwas Neuartiges zu erreichen?

Wie stellt ihr eine erfolgreiche Produktentwicklung sicher?

Ideen haben wir immer viele. Diese kommen aus Marktbeobachtungen und natürlich durch die Anforderungen und Wünsche unserer Kunden. Und manchmal sind dies dann genau die Impulse, die uns zu weiteren Ideen bringen. So war das auch bei der Entwicklung der neuen technischen REST-Schnittstelle, die sich viele Kunden gewünscht hatten. Diese Änderung machten wir uns zu Nutze und kreierten eine neue, flexible Art der Authentisierung und Selbst-Registrierung mit sogenannten «Flows»*. Danach war schnell klar, dass auch ein dazu passendes GUI (Graphical User Interface) für alle unsere Kunden einen massiven Mehrwert bieten würde.

Klingt nach einem grösseren Projekt.

Ja, das ergab unsere erste Aufwandschätzung auch und machte es damit eigentlich fast unmöglich, es zeitnah in die Pipeline aufzunehmen. Aber ein eigenes GUI, das mit der von den Kunden gewünschten technischen Schnittstelle auch interagieren kann, war uns jedoch sehr wichtig. So kam die Idee auf, neue Wege zu beschreiten und das Ganze mal in einem etwas anderen Modus umzusetzen, als wir es sonst gewohnt sind.

Was heisst das konkret?

Im Normalfall erfordert die Produktentwicklung neuer Features einiges an Vorbereitung in Form von Workshops, Diskussionen und Planung. Dies ist sehr wertvoll, macht die Sache aber auch langsamer. Bei diesem Thema war ein neuer Ansatz gefordert. Wir einigten uns im Team darauf, dass wir ein paar Prozesse, die uns üblicherweise helfen, neugestalten beziehungsweise für eine gewisse Zeit umgehen.

Und du hast das Ganze gepusht?

Ja, mit meinem Know-how im Bereich Single Page Applications und Angular habe ich mich fit genug gefühlt, das Ganze voranzutreiben und die Basisarbeit für das neue GUI zu legen. Wir haben das natürlich im Team diskutiert, sie haben mir ihr Vertrauen ausgesprochen und unter Berücksichtigung einiger gemeinsam aufgestellten Regeln wechselte ich also für drei Wochen meinen Arbeitsplatz in ein stilles Kämmerlein.

Welche Regeln waren das?

Die Erfahrung zeigt: Beim Vorgehen «Arbeiten im stillen Kämmerlein» ergeben sich meist mehr Nach- als Vorteile. Man arbeitet monatelang für sich allein, kommt zurück und hat zumindest seiner Meinung nach die perfekte Lösung. Das Risiko ist gross, dass man in die falsche Richtung geht, das Team abhängt oder vor den Kopf stösst. Also suchten wir eine Art Mittelweg zwischen ganz allein und alle zusammen. Wir machten zum Beispiel weiterhin Code Reviews oder Pairings, damit die anderen Angular-Experten im Team Feedback geben und der Veränderung folgen konnten. Gewisse Workshops waren natürlich trotzdem notwendig und fanden auch statt. Das Team war wirklich sehr flexibel und unterstützte mich, wo es nur ging. Ich nahm auch weiterhin an den Daily Standups teil, um alle auf dem Laufenden zu halten und lud wöchentlich zu Updates ein. Die grosse Challenge war sicher, die Schnelligkeit zu ermöglichen und trotzdem die Transparenz aufrechtzuerhalten.

Hattest du keine Angst, dass es schief gehen würde?

Doch natürlich. Aber ich hatte die Unterstützung vom Team und vom Abteilungsleiter – ohne wäre es nicht möglich gewesen. Zudem gaben die klaren Abmachungen allen Beteiligten eine gewisse Sicherheit. Das Team war trotz meines Alleingangs immer dabei, wusste, was passiert und hätte jederzeit einschreiten können. Natürlich gab es gewisse Vorbehalte und Skepsis. Das ist auch berechtigt, aber es gab niemanden, der fand, das geht gar nicht. Und für alle war klar: Es ist ein kalkuliertes Experiment und Risiko. Wenn es nicht funktioniert, dann ist es auch okay. Was mich sehr beeindruckt hat: Während dieser Zeit war mein Team drei Wochen ohne Teamleiter unterwegs, trotzdem lief alles einwandfrei. In einem Grosskonzern wäre das nie möglich. Ich schätze das nicht geringer ein als das, was ich gemacht habe. Der Querdenker zieht die Aufmerksamkeit auf sich, aber nicht weniger wertvoll sind die Menschen, die im Stillen täglich solide und perfekte Arbeit abliefern.

Es hat sich also gelohnt. Worauf bist du am meisten stolz?

Grundsätzlich natürlich, dass es geklappt hat. Der schönste Moment war sicher, als das ganze Team mit auf den Zug aufspringen und es nutzen konnte. Ausgehend vom Kundenwunsch nach der technischen Schnittstelle haben wir gemeinsam eine Lösung geschaffen, die uns in der täglichen Arbeit viel flexibler macht, wir können wesentlich besser auf Spezialwünsche der Kunden reagieren und das bereitet dem Team Freude.

Dein Tipp, um dem Status Quo nicht zu verfallen?

Ich glaube es gibt kein Rezept. Am wichtigsten ist die persönliche intrinsische Motivation. Man macht es nicht des Geldes wegen oder der Meinung anderer. Man sieht eine Chance, etwas zu verbessern und glaubt daran, dass man es schafft. Auch hilft es ungemein mit anderen darüber zu sprechen und verschiedene Meinungen einzuholen. Irgendwann muss man dann die Komfortzone verlassen und den Sprung vom Reden zum Machen wagen.

 

*Flows kompakt erklärt

(Von Adrian Schneider, Senior Software Engineer Airlock IAM)

Flows sorgen für eine konfigurierbare, aber sichere Authentisierung. Nur wer die festgesetzten Schritte in der richtigen Reihenfolge durchlaufen hat, kann sich anmelden. Welche Schritte das sind, kann flexibel konfiguriert werden. Bei Airlock entschied man sich für den Einsatz einer Statemachine, die mit klar definierten Zuständen, Übergängen und Übergangsbedingungen sicherstellt, dass nur gültige Zugriffe durch den konfigurierten Flow möglich sind. Mittlerweile wird diese Technologie auch für die Benutzer-Selbstregistrierung und die Passwort-Wiederherstellung eingesetzt.

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